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Der US-Sondergesandte für Afghanistan, Richard Holbrooke, hatte am Wochenende angekündigt, die amerikanische Armee solle künftig mit aller Kraft gegen die mächtigen Kartelle vorgehen und die Drogenbarone dingfest machen. Geheimdienstmitarbeiter bewerten dies als «Stich ins Wespennest.»
Die neue amerikanische Strategie zur Bekämpfung der Drogenkartelle in Afghanistan und zur Festnahme von Drogenbossen halten Vertreter westlicher Geheimdienste für «aussichtslos und sehr gefährlich». Am Wochenende hatte der US-Sondergesandte für Afghanistan, Richard Holbrooke, angekündigt, die amerikanische Armee solle in Zukunft «mit aller Kraft» gegen die mächtigen Kartelle vorgehen und möglichst viele Drogenbarone und ihre Helfershelfer dingfest machen anstatt weiterhin vergeblich zu versuchen, die riesigen Mohnfelder am Hindukusch zu vernichten.
Vertreter des US-Geheimdienstes CIA und auch andere westliche Geheimdienstler erklärten am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur ddp in der afghanischen Hauptstadt Kabul: «Dieser Stich ins Wespennest wird die prekäre Lage in Afghanistan noch verschlimmern.»
Holbrooke hatte verkündet, Washington wolle seinen Feldzug zur Vernichtung des Opiumanbaus in Afghanistan einstellen. Den Bauern, die ihren Lebensunterhalt überwiegend durch Schlafmohnanbau und Opiumproduktion verdienen, soll stattdessen beim Anbau anderer Produkte finanzielle Unterstützung geboten werden. Das bisherige Vernichtungsprogramm der Amerikaner hatte Holbrooke als eine «Geldverschwendung» von Milliarden Dollars erklärt, die lediglich die afghanischen Bauern in die Hände der Taliban getrieben habe.
Schmuggler werden auch von obersten Regierungsstellen gedeckt
Übereinstimmend kamen die Geheimdienstler zu dem Schluss: «Die neue Strategie klingt gut, ist aber von vornherein ein totgeborenes Kind.» Mit ihren Privatarmeeen würden die Drogenhändler und Drogenbarone «umgehend das Feuer auf die US-Soldaten eröffnen, die ihnen beim boomenden Drogengeschäft in die Quere kommen». «Völlig illusorisch» seien Versuche, Drogenschmuggler daran zu hindern, das Opium außer Landes zu bringen. Auch oberste Regierungsstellen in Kabul würden die Schmuggler decken.
Als »traurigen Witz« hatte Antonio Mario Costa, der oberste Drogenbekämpfer der Vereinten Nationen, die US-Drogenpolitik am Hindukusch bezeichnet. Costa hatte betont: »Traurig deshalb, weil viele afghanische Polizisten und alliierte Soldaten getötet und nur 5000 Hektar der Mohnfelder bisher zerstört wurden.« Das entspreche etwa drei Prozent der Mohnanbaufläche.
Seit jeher ermuntern die Taliban die Bauern zum Mohnanbau oder zwingen sie dazu. Die »Gotteskrieger« finanzieren aus dem lukrativen Drogengeschäft ihren Kampf gegen die ISAF-Truppen. Die Gewinne gehen in die Milliarden Dollar. Angaben der Nachrichtendienste zufolge gibt es im Drogengeschäft am Hindukusch ein »Geflecht von Händlern, Schmugglern, von Bossen, Gouverneuren, Banditen, Warlords und Regierungsstellen auf allen Ebenen«. Sogar der Bruder des Präsidenten Hamid Karsai, Ahmed Wali, soll Chef einer Schmugglerbande sein, die Drogen über den Iran und die Türkei in den Westen schmuggelt.
Mehr als 90 Prozent des Opiums kommen aus Afghanistan
Schon seit langem ist Afghanistan der größte Opiumlieferant für die Welt. Mehr als 90 Prozent des »Stoffs« kommen vom Hindukusch. Mittlerweile hat sich die Anbaufläche für Mohn auf etwa 80.000 Hektar vergrößert. Die UNO verwies darauf, dass sich die Opiumproduktion trotz millionenschwerer Gegenprogramme – Anbau von Weizen, von Gemüse und Pflanzen – seit Beginn der US-Invasion 2001 »vervierzigfacht« habe.
Für dieses Jahr wird mit einer Rekordernte von über 9.000 Tonnen Schlafmohn gerechnet. Schätzungen von Experten zufolge sind von den 25 Millionen Afghanen insgesamt fast vier Millionen im Mohnanbau und Drogenhandel beschäftigt. Die Geheimdienstler berichteten, wenn ein Drogenhändler dabei erwischt werde, wie er auf eigene Rechnung arbeitet, hängen ihn die Taliban am nächsten Baum auf. Die Taliban und die Drogenbosse würden vom erarbeiteten Gewinn der Drogenbauern, die meistens mit ihren Familien ums Überleben kämpfen, das »Meiste einheimsen«.
Wie neben den US-Diensten auch die Vertreter anderer westlicher Geheimdienste berichteten, sei die angekündigte neue Strategie der Amerikaner, verstärkt gegen die Drogenkartelle vorzugehen, »deshalb zum Scheitern verurteilt, weil Präsident Karsai selbst mit den Drogenbossen und korrupten Gouverneuren paktiert, die ihm bei der Wiederwahl ins Präsidentenamt am 20. August unterstützen sollen.« Immer wieder seien die »Bekenntnisse« von Karsai, den Kampf gegen das Rauschgift aufzunehmen, als »reine Lippenbekenntnisse” zu werten. (ddp/dtn/ba)
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