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Milliardengeschäft Sportwetten: Das Chaos regiert

Milliardengeschäft Sportwetten: Das Chaos regiert Deutschland Fußballnation © cirquedesprit / Fotolia.com

Es ist ein Milliardengeschäft. Sportwetten sind auf der ganzen Welt unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Allein im letzten Jahr wurden von den Sportwettenanbietern in Deutschland 4,5 Milliarden Euro umgesetzt. Das wenigste davon bei in Deutschland lizensierten Anbietern – dafür gibt es nämlich nur einen, das staatliche Unternehmen Oddset. Die anderen Anbieter bewegen sich in einer Grauzone – den meisten Wettern ist das egal. Der Staat wird von der EU unter Druck gesetzt, lässt sich aber Zeit mit den notwendigen Strukturen.

Der Markt für Sportwetten ist riesig. 4,5 Milliarden Euro Umsatz machten die Anbieter damit im vergangenen Jahr. Das sind offizielle Angaben, einschließlich Schwarzmarkt sollten es sieben bis neun Milliarden Euro sein. Eigentlich gibt es in Deutschland noch immer ein Monopol der staatlichen Glücksspielanbieter – also von Oddset. Und das obwohl im Jahr 2012 der neue Glücksspielstaatsvertrag unterschrieben wurde, der den Ländern erlauben soll, auch Lizenzen an private Wettanbieter zu vergeben. 20 Lizenzen für die folgenden sieben Jahre wollte man ausstellen, mit dem Ziel, illegale Anbieter zurückzudrängen und die Transparenz und Kontrolle auf dem Markt der Sportwetten zu erhöhen – sowohl für den Verbraucher als auch für die Behörden. Das hat allerdings nicht geklappt, da das vom Bundesrat beauftragte hessische Innenministerium bisher noch keine einzige Zulassung vergeben hat. Der Grund ist eine Klagewelle, die dem Ministerium vor allem von denjenigen Anbietern, die keinen Platz bekommen haben, entgegengeschlagen ist.

In Deutschland regiert das Chaos – Den Spielern ist das egal

Das Verwaltungsgericht Wiesbaden untersagte die Vergabe der Konzessionen schließlich. Drei Jahre später hat sich an diesem Status immer noch nichts geändert. So bleibt der Markt sowohl unüberblick- als auch unkontrollierbar. Während sie, wie zum Beispiel bet-at-home exklusive Millionenverträge mit Bundesligsten wie Hertha BSC abschließen und sogar auf deren Trikot werben, sind die privaten Anbieter eigentlich immer noch nicht erlaubt. Sie operieren mit Lizenzen aus dem Ausland, machen in Deutschland dennoch Milliardenumsätze. Skurrilerweise zahlen manche Anbieter sogar Steuern in Deutschland – freiwillig. Leidtragender der chaotischen Situation ist der Staat selbst, der sich vom Milliardenmarkt ein deutlich größeres Stückchen abschneiden könnte, wenn die Anbieter in Deutschland lizensiert wären. So blüht der Schwarzmarkt.

In Deutschland regiert das Chaos  Den Spielern ist das egal
Bildquelle: Lottospiel © M. Schuppich / Fotolia.com

Gerade im Online-Bereich, wo Staatsgrenzen verwischen, florieren die Sportwetten. Die unterschiedlichsten Anbieter bieten die unterschiedlichsten Wetten an. Für die Kunden gibt es Seiten wie fussball-wetten.com, wo die Angebote verglichen werden können. Nachdem Sportwetten in England schon lange zum Alltag gehören, kommen die Deutschen langsam erst auf den Geschmack. Immer mehr wählen den Tippschein, um ihr Sportwissen unter Beweis zu stellen. Für viele Sportfans ist das Ergebnisse tippen längst zum Salz in der Sport-Suppe geworden. Sei es die Kombiwette, mit der für einen eingesetzten Euro eine dreistellige Summe gewonnen werden kann, wenn die Ausgänge eines gesamten Bundesliga-Spieltages richtig vorhergesagt werden. Oder die Live-Wette auf dem Smartphone, die während dem Verfolgen von Liveereignissen, im Stadion oder vor dem Fernseher, zusätzliche Spannung bietet, wenn auf dem Platz einmal nicht so viel passiert. Für manche Fans ist es auch ein Trost, gegen die eigene Mannschaft zu wetten, damit wenigstens das Geld als Trost bleibt, wenn es mal wieder keine Punkte gab – im Siegesjubel ist der verlorene Einsatz sowieso zu verschmerzen. Die Möglichkeiten sind facettenreich, und die Spieler haben immer mehr Spaß an den Angeboten. Dass sie sich dabei rechtlich nicht ganz im staatlich vorgegebenen Rahmen bewegen, wissen sie entweder nicht oder kümmern sich nicht darum. Ihnen droht auch kein Ärger, das kann höchstens den Anbietern passieren.

Die EU setzt Deutschland unter Druck

Aus politischer Sicht ist die ganze Situation nicht tragbar. Das Chaos wird unüberblickbar, während im Hintergrund weiter fleißig Geschäfte getrieben werden. Die Politik wurde nur mehr oder weniger unfreiwillig aktiv, um gegen den Status Quo vorzugehen: Der sogenannte Glücksspieländerungsstaatsvertrag, den die Länder 2012 unterschrieben hatten, war erst auf Druck des Europäischen Gerichtshofs ausgehandelt worden, der das staatliche Sportwetten-Monopol in Deutschland als nicht mit EU-Recht vereinbar kritisierte. Getan hat sich allerdings nichts. Es scheint fast, als wollten sich die Bundesländer so lang wie möglich an ihren Monopolen festklammern. Guten Vorsatz gezeigt haben sie – mehr aber auch nicht. De facto bleibt das Sportwettenmonopol weiterhin bestehen, alle privaten Anbieter operieren im Bereich der rechtlichen Grauzonen. Zur verfahrenen Situation sagt Hessens Innenminister Peter Beuth, dessen Vergabeverfahren auf Eis gelegt wurde: „Wir, die Länder, befinden uns zurzeit in einer Sackgasse, aus der wir uns nur gegenseitig wieder raushelfen können.“

Die EU setzt Deutschland unter Druck
Bildquelle: Richterhammer und Gesetzbuch – Europäische Union © Zerbor / Fotolia.com

Der EU-Kommission wurde es jetzt zu bunt: In einem Schreiben an die Bundesregierung gab es einen deutlichen Anpfiff. In dem mehrseitigen Brief fordert die Kommission energisch Auskunft darüber, wann der Sportwetten-Markt endlich liberalisiert werde. Wie handelsblatt.com berichtet, taucht darin unter anderem die Frage auf, „welche Schritte die deutschen Behörden unternehmen werden, um das gegenwärtig fortdauernde unionsrechtswidrige Sportwettmonopol unverzüglich zu beenden“.

Zeit für einen Neuanfang?

Der Druck steigt also. Eine Lösung im Lizenzen-Streit ist auch im Interesse der Anbieter. Die gründeten 2014 den Deutschen Sportwettenverband (DSWV). Dessen Hauptgeschäftsführer Luka Andric sagt: „Letztendlich bedarf es einer politischen Lösung.“ Für den DSWV wurde das gesamte Lizenzierungsvorhaben an die Wand gefahren. Die Mitglieder befinden sich ihrer eigenen Angaben zufolge in der letzten Runde des Konzessionsverfahrens, haben aber wie die meisten Beobachter wenig Hoffnung, dass aus der geplanten Vergabe noch etwas wird.

Ein Neuanfang wäre möglich, wenn die nächsten Instanzen das Verfahren komplett kippen, der Europäische Gerichtshof interveniert oder wenn die EU-Kommission den Staatsvertrag beanstanden. Die Länder könnten das Vergabeverfahren noch einmal bei null starten lassen. Die Frage ist nur – wollen die Länder das überhaupt? Der Druck steigt jedenfalls. Peter Beuth sagt jedenfalls: „Drei Jahre Testphase reichen aus, um festzustellen: Das jetzige Konzessionsverfahren, ja der Glücksspielstaatsvertrag selbst, muss geändert werden.“

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